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Neuigkeiten

29.11.2018

Innovative Karrieremodelle in der klinischen Pflege

Wie sehen die Kliniken als Partner im dualen Studium das Thema Akademisierung in der Pflege? Bernhard Krautz, Pflegedirektor am Klinikum Neumarkt i.d.Opf. gibt einen Einblick in die Praxis.

 

„Pflege braucht Hände, Herz und Hirn!“ so steht es auf der Homepage des Pflegedienstes. Die Kliniken des Landkreises Neumarkt i.d.Opf. sind ein Schwerpunktkrankenhaus mit 530 Betten an den Standorten Klinikum Neumarkt und Klinik Parsberg. Mehr als 1.800 Mitarbeiter im Gesamtunternehmen behandeln jährlich mehr als 26.000 stationäre und 48.000 ambulante Patienten. In Nordbayern ist das Klinikum beim innovativen Einsatz von akademisch ausgebildeten Pflegekräften führend. Ein guter Grund für hochschule dual sich einmal ausführlich mit dem Pflegedirektor Bernhard Krautz zu unterhalten. Er ist seit 30 Jahren in diversen Bereichen in der Pflege tätig. Seit 2011 leitet er den Pflegedienst am Klinikum Neumark i.d.Opf. 

hochschule dual: Welche Rolle spielt das duale Studium in der Personalpolitik der Kliniken des Landkreises Neumarkt i.d.Opf.?

Krautz: Wir haben am Klinikum Neumarkt eine große Berufsfachschule für Krankenpflege, an der wir die berufliche Ausbildung anbieten. In diese Ausbildungskurse integriert bieten wir für bis zu fünf Azubis das duale Pflegestudium an. Dafür kooperieren wir hier eng mit der Evangelischen Hochschule in Nürnberg. Mit diesem Angebot, „Pflege dual“ zu lernen, haben wir unsere Zielgruppe für den Pflegenachwuchs hervorragend erweitern können. Im immer enger werdenden Ausbildungsmarkt ist es extrem wichtig, den Pflegeberuf auch unmittelbar auf einer akademischen Ebene erlernen zu können. Und gleichzeitig entwickeln wir dadurch neue Kolleginnen und Kollegen, die nach Abschluss des Studiums mit erweiterten Kenntnissen und Fähigkeiten in die Praxis gehen und dort perspektivisch auch erweiterte Aufgaben übernehmen können. Dies verdeutlicht, den hohen strategischen Stellenwert des dualen Studiums für unsere mittel- und langfristige Personalpolitik.

hochschule dual: Ein duales Studium verknüpft die Lernorte Klinik und Hochschule. Wie ist die Zusammenarbeit mit der evangelischen Hochschule organisiert? Wie sieht die Qualifizierung von dual Studierenden an Ihren Kliniken aus?

Krautz: In den ersten drei Jahren absolvieren die Studierenden die „normale“ Ausbildung gemeinsam mit allen anderen Azubis. Dafür musste die Berufsfachschule das Ausbildungscurriculum entsprechend den Anforderungen des Studiums teilweise anpassen. Zudem besuchen die Studierenden im Verlauf der Ausbildung zusätzliche Studienmodule an der Hochschule. Dies erfordert v.a. von unserer Berufsfachschule eine enorm hohe Koordinationsleistung, da ja auch die vorgeschriebenen praktischen Ausbildungsabschnitte absolviert werden müssen. Nach dem bestandenen Examen in der Gesundheits- und Krankenpflege beginnt dann für die Pflege dual-Studentinnen und Studenten die Vollzeitstudienphase. Hier bieten wir flexible Teilzeitbeschäftigungsmodelle an, die einerseits einen Einstieg in die Berufspraxis ermöglichen, andererseits ausreichend Freiraum und Zeit für das Studium lassen. In dieser Zeit sind dann v.a. die Stationen zunächst stark in der Dienstplanung gefordert, um die Präsenszeiten in der Hochschule zu gewährleisten.

Auf der fachlich-inhaltlichen Ebene binden wir die Pflege dual-Studierenden schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt in unsere regelmäßigen Studierenden-Treffen ein. Diese freiwilligen Treffen aller Studierenden unseres Hauses finden zwei bis dreimal im Jahr statt und dienen - neben dem persönlichen Kennenlernen - v.a. der Information und dem fachlichen Austausch. Dabei berichten wir z.B. über aktuelle fachliche Entwicklungen und Projekte oder die Absolventinnen und Absolventen stellen auch schon mal ihre Bachelor-Arbeiten vor. Dadurch setzen wir Impulse für eigene Themen und fördern den Zusammenhalt zwischen den Studierenden. Wenn dann die Bachelorarbeit ansteht, bieten wir gerne konkrete Themen an, die bei uns im Hause aktuell relevant sind. Dadurch ist ein hoher Praxisbezug der Abschlussarbeiten gegeben und alle Beteiligten profitieren letztlich davon. In dieser Phase bieten wir dann natürlich auch eine enge Begleitung durch unsere Stabsstelle Pflegewissenschaft oder eine erfahrene Bachelor-Pflegekraft an.

 hochschule dual: Wie werden die dual Studierenden nach ihrem Abschluss eingesetzt?

Krautz: Das hängt natürlich primär sehr stark von der Motivation und Interessenlage der Absolventen ab. Aber für diejenigen die dies möchten und die wir für geeignet halten bieten wir hier sehr gute Entwicklungsmöglichkeiten an. Denn wir haben bereits vor einigen Jahren ein Karrieremodell klinische Pflege entwickelt, das diesen Weg klar vorzeichnet. Zunächst erfolgt der Einsatz noch als „normale“ Pflegekraft auf einer Station. Über einen mehrstufigen Lern- und Entwicklungsprozess ist dann die Übernahme der pflegerischen Fallverantwortung und/oder die Rolle der Fachverantwortlichen Pflegekraft möglich. Es ist aber wichtig zu betonen, dass diese Funktionen nicht unmittelbar nach Studienabschluss übernommen werden können. Die Bachelorabsolventen verfügen nach unserer Auffassung und Erfahrung natürlich über eine breitere Wissens- und Kompetenzbasis als die beruflich ausgebildeten Kolleg/innen, sind aber nicht automatisch und unmittelbar in diesen erweiterten Rollen einsetzbar. Es bedarf hier schon noch eines intensiven Lern- und Reflexionsprozesses in der Pflegepraxis. Das Studium versetzt die Absolventen insofern in eine sehr gute Ausgangsposition, sich schnell und zielgerichtet weiter zu entwickeln - was sich dann übrigens bei Übernahme dieser erweiterten Verantwortung auch finanziell positiv auswirkt.

hochschule dual: Die Pflege steht vor vielen Herausforderungen, kann das duale Studium dabei unterstützen und wenn ja wie?

Krautz: Auf jeden Fall, sonst würden wir diesen Aufwand ja nicht betreiben. Unserer Auffassung nach ist die größte Herausforderung, dass sich das Berufsbild der Pflege weiterentwickeln muss. Zumindest im aktklinischen Bereich herrscht immer noch ein eher kompensatorisches Rollenverständis vor, das sich zudem stark an den medizinischen Assistenzaufgaben orientiert. Die immer komplexeren Gesundheit- und Pflegesituationen der Patienten erfordern aber eine viel stärkere Fokussierung auf Kompetenzförderung für Patienten und die Stabilisierung der Lebens- und Pflegesituationen. Anders ausgedrückt: die Pflege muss sich viel stärker darum kümmern, den Patienten dabei zu unterstützen mit seiner Erkrankung, seinen gesundheitlichen Einschränkungen selbständig zurecht zu kommen, damit er so lange wie möglichst mit möglichst wenig Unterstützung und selbstbestimmt Leben kann. Dieses Verständnis von Pflege hat der Wissenschaftsrat 2012 mal als eine zur Medizin komplementäre Rolle beschrieben - und das trifft es eigentlich sehr genau. Um diese neue Rolle aber entwickeln und übernehmen zu können sind definitiv auch akademisch zu erwerbende Kompetenzen in der Pflege erforderlich. Insofern nimmt die akademische Qualifizierung eine sehr zentrale Rolle im Umgang mit den Herausforderungen der Zukunft ein.

hochschule dual: Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Krautz: Nun, das ergibt sich aus dem vorher gesagten fast zwangsläufig: die gesundheits- und wissenschaftspolitische Erkenntnis, dass der Pflegeberuf eine neue Rolle übernehmen muss ist das eine - und schon mal sehr positiv. Aber die Kliniken und Pflegeeinrichtungen werden bei der Realisierung dieser Veränderung weitestgehend allein gelassen. Der zeitliche, personelle und auch finanzielle Aufwand dieses Entwicklungsprozesses in der Praxis ist enorm hoch. Denn es geht hier ja um konkrete Personalentwicklung, aber auch um grundlegende Veränderungen in den Arbeits- und Prozessstrukturen in den Kliniken. Und dieser enorme Aufwand ist leider in unserem stark gedeckeltem Fallpauschalensystem der Krankenhausvergütung in kleinster Weise berücksichtigt. Der größte Wunsch wäre daher, dass wir diesen enormen Aufwand - den wir ja gerne und mit Überzeugung leisten und der bereits viele positive Effekte bei den Patienten bewirkt - zukünftig auch in irgendeiner Weise mal angemessen refinanziert bekommen. Das wäre die beste und hilfreichste Form der Unterstützung und Anerkennung.

 hochschule dual: Vielen Dank für das Interview!

 >> Pflege am Klinikum Neumarkt in der Oberpfalz

 >> Dualer Bachelor Pflege an der Evangelischen Hochschule Nürnberg