Als Vertreter von Hochschule Bayern e.V. im Beirat von hochschule dual, nehmen Sie die Perspektive unserer Mitgliedshochschulen ein. Mit welchem Blick schauen Sie aktuell auf das duale Studium in Bayern?
Aus der Perspektive unserer Mitgliedshochschulen ist das duale Studium eine Erfolgsgeschichte und längst kein Nischenformat mehr. Die große Nachfrage unter Studieninteressierten und Firmen zeigt, dass das duale Studium Mehrwert bietet, von dem alle Beteiligten profitieren.
Was macht aus Ihrer Sicht den besonderen Wert des dualen Studiums für die bayerischen Hochschulen für angewandte Wissenschaften aus? Welche Aspekte sind Ihnen persönlich besonders wichtig und warum?
Die HAW und TH zeichnen sich wie kein anderer Hochschultyp durch eine besondere Nähe zur Praxis aus. Genau dafür steht auch das duale Studium. Es bietet eine berufsnahe Studienerfahrung und füllt den gebotenen Rahmen für eine enge Praxisverzahnung ideal aus. Für HAW und TH ist das duale Studium somit vor allem eine große Chance, die das Studium und damit auch die Hochschulen aufwertet. Auch die Verbindung zwischen Hochschulen und regionalen Unternehmen bzw. Anbietern dualer Studienplätze profitiert davon. Nicht selten gehen aus den Kontakten Forschungsprojekte und innovative Kooperationsvorhaben hervor.
hochschule dual feiert 20-jähriges Bestehen – ein idealer Zeitpunkt für den Blick nach vorn. Wo sehen Sie für die nächsten zehn Jahre noch ungenutzte Potenziale in Bayern? In welchen Bereichen sollten wir uns weiterentwickeln, um zukunftsfähig zu bleiben?
Große Potenzial sehe ich vor allem darin, das duale Studium noch bekannter zu machen, vor allem bei kleinen und mittelständischen Betrieben. Ich bin optimistisch, dass sich die Resonanz weiter ausbauen lässt, zumal das duale Studium auch ein wirkungsgradreiches Instrument im Wettbewerb um die schlauesten Köpfe ist, der sich in den vergangenen Jahren noch einmal verschärft hat.
Weiteres Potential sehe ich auch in der Erschließung neuer Berufsfelder. In den Bereichen Gesundheit und Soziales, KI, Digitale Systeme sowie in den grünen Berufen sind in den letzten Jahren neue Studiengänge entstanden und auch in Zukunft wird es weiterhin neue Studiengänge geben. Die Entwicklung neuer Studienangebote an den Hochschulen sollte von Anfang an auch dual gedacht und geplant werden. Das ist eine Chance, die wir nutzen sollten.
Der Beirat ist Bindeglied zwischen Hochschule, Wirtschaft und Politik. Welche Impulse und Themenschwerpunkte möchten Sie persönlich in die Beiratsarbeit einbringen?
Es würde mich freuen, im Beirat die Frage zu beleuchten, wie wir mehr internationale Studierende als mögliche Aspiranten für duale Studienformate gewinnen können. Nach meiner Erfahrung schlummert hier viel Potenzial, das Unternehmen häufig noch verborgen ist.
Daneben möchte ich zu einer regelmäßigen Auseinandersetzung mit dualen Studienmodellen in anderen Bundesländern anregen. Das Interesse am dualen Studium ist nach meiner Wahrnehmung im gesamten Bundesgebiet sehr groß und dementsprechend lebhaft sind auch die Überlegungen zur Weiterentwicklung der Studienmodelle. Auch wenn das duale Studienmodell in Bayern sehr erfolgreich und konkurrenzfähig ist, denke ich, dass wir von der einen oder anderen Erfahrung aus anderen Bundesländern lernen können.
Die THWS engagiert sich im Rahmen einer modernen Hochschulentwicklung auch in den Bereichen Flexibilisierung und Online-Lehre: Welche Rolle spielen aus Ihrer Sicht flexible Studienmodelle und digitale Formate für die Zukunft des dualen Studiums? Wo sehen Sie hier konkrete Möglichkeiten, aber auch Grenzen?
Die THWS bietet seit dem Wintersemester 25/26 Online-Studiengänge an. Diese Studiengänge erfordern keine Präsenz vor Ort, auch nicht bei den Prüfungen.
Nach meiner persönlichen Einschätzung haben Online-Studiengänge großes Zukunftspotenzial, da das Bedürfnis nach zeitlicher und örtlicher Flexibilität steigt. Gleichzeitig kommen immer mehr digitale Lehr- und Lernelemente zum Einsatz, die am PC oder Laptop genutzt werden und nicht auf die Hochschule als physische Umgebung angewiesen sind. Die KI wird diese Entwicklung noch beschleunigen. Für das duale Studium kann das nur von Vorteil sein, da Online-Angebote mehr Flexibilität bieten und es einfacher machen, Studien- und Praxiszeiten in Einklang zu bringen.
Die THWS ist stark international ausgerichtet und bietet viele englischsprachige Studiengänge an. Welche Chancen, aber auch welche Herausforderungen sehen Sie, das duale Studium stärker für internationale Studierende zu öffnen und sie so frühzeitig in den deutschen Arbeitsmarkt zu integrieren?
Der Anteil internationaler Studierender wächst an nahezu allen Hochschulen. Jedoch studieren nur sehr wenige davon dual. Das ist bedauerlich, da unter den internationalen Studierenden viele Talente sind, die mit einer konkreten Bleibeabsicht nach Deutschland kommen. Der Grund, warum nur so wenige davon dual studieren, liegt nach meiner Auffassung in dem Rekrutierungsprozess für duale Studienplätze, der üblicherweise Monate vor dem Studienstart beginnt, wenn sich internationale Studierende noch im Ausland befinden und mangels Visa nicht zu Vorstellungsgesprächen anreisen können.
Eine Voraussetzung, damit die Integration internationaler Studierender besser gelingt, besteht in der Aneignung von Deutschkenntnissen. Obwohl in Firmen häufig schon Englisch gesprochen wird, sind Deutschkenntnisse in vielen beruflichen Positionen unverzichtbar. Daher bieten Hochschulen niederschwellige Deutschkurse in verschiedenen Niveaustufen an und bauen das Angebot tendenziell sogar noch aus.
Vielen Dank für das Interview!
Foto © THWS, Thomas Riese
Hier geht es zur Technischen Hochschule Würzburg-Schweinfurt


